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Magersucht

(Anonym fragte am 28.12.2014 um 22:17:47)

Ich \"leide\" seit nunmehr 3 Jahren an Anorexie - wobei das Wort \"leiden\" für mich sehr schwer damit in Verbindung zu bringen ist.
Auslöser dürfte wohl der Tod der Mutter gewesen sein. Ob es auch tatsächlich der Grund dafür war, kann ich sehr schwer beurteilen.
Die untypischen Fakten sind wohl mein Alter (36a) sowie meine Familiensituation (in fester Beziehung lebend und selbst 2fache Mutter).
Ich befinde mich in einem Teufelskreis, aus dem ich nicht entkommen kann. Vermutlich will ich es tief in mir auch nicht wirklich.
Seit langem schon bin ich in psychologischer Behandlung bei einer allerdings nicht auf das Gebiet der Essstörungen spezialisierten Psychologin, die mir aber immer noch die Möglichkeit der Gesprächstherapie bietet - wohlwissend vermutlich, dass ich niemals jemand anderes aufsuchen werde. Ich fühle mich bei ihr wirklich gut aufgehoben, verstanden. Sie ist mein \"Netz\", wenn ich zu fallen drohe.
Als \"Ausrede\" gegen jegliche stationäre Therapie nütze ich vor allem meine beiden kleinen Kinder, den Job. Manchmal jedoch denke ich durchaus ernsthaft darüber nach, würde davon aber sicher niemals Gebrauch machen.

Seit meiner ersten Schwangerschaft setze ich mich intensiv mit gesunder Ernährung auseinander, habe damals relativ rasch von Weißmehl auf Vollkorn, von ungesund auf gesund umgestellt. Zucker gilt heute als völlig verpönt (auch wenn es manchmal \"passiert\", wofür ich mich dann sofort hasse), Kalorien/Öl/Fette etc ... undenkbar.

Ich denke immer wieder, dass der Krankheitsfaktor nicht gegeben ist. Ich wiege 51 kg bei 1m69, finde mich wirklich nicht schlank.

Ich weiß aber natürlich, dass vieles für das Bestehen einer Magersucht spricht:
.täglich mehrmals, sogar nachts, die Waage konsultieren
.Abführmittel (zur Zeit ca. 6 Dulcolax tgl)
.kaum Flüssigkeitszufuhr
.Ernährung besteht aus wenigen \"erlaubten\" Lebensmitteln (Cornflakes, Magermilch welche mit Wasser verdünnt wird, Magerjoghurt mit Haferflocken, z.T. Reiswaffeln)
.warme, gekochte Mahlzeiten sind im Moment völlig undenkbar - was ich nicht nachvollziehen kann
.die Angst vor jeder Gewichtszunahme
.das Hochgefühl bei einer Abnahme und seien es nur 100g
.immer extreme Anspannungen in Essenssituationen der Familie
.maximal eine Mahlzeit täglich (allein, in relativer Dunkelheit, niemals hungrig, mich selbst immer mit TV oder lesen ablenkend)

Ich hatte auch schon bulimische Phasen, die ich glücklicherweise der Vergangenheit zuschreiben kann.
Auch selbstverletzendes Verhalten kommt manchmal vor, was mir sehr unangenehm, fremd, unerklärlich zu sein scheint.

Ich rechne durchaus damit, dass jeder normale Mensch, der weiß, dass ich auf 1m69 51 kg bringe, mir sagen wird, da ist keine Anorexie, da ist nichts, das ist normal, ich bin nicht schlank, was soll das eigentlich?

Und dann ist da meine Therapeutin, die mir immer versichert, ich sei nicht schlank, sondern \"dürr\"!

Dank, oder wegen (?), meiner Therapeutin (ich bin so unendlich dankbar sie zu haben, diese Termine bei ihr sehne ich immer sehr herbei) habe ich meine 43kg-Zeit seit einigen Monaten hinter mir gelassen. Die 50er Grenze war eine furchtbare Hürde. Jetzt allerdings finde ich, es muss genug sein. Ich frage mich ständig, was ich essen soll, um nicht weiter zuzunehmen - davor habe ich ehrlich Angst. Ich kann nicht weiter zunehmen, weil die Angst vor Adipositas erdrückend ist.

Manchmal denke ich einfach, ich bin völlig am Ende.

(INTAKT antwortet am 02.01.2015 um 14:27:47)

Nein am Ende sind Sie nicht, sonst würden Sie nicht so einen klaren ehrlichen Brief schreiben, der allerdings auch die Ambivalenz ausdrückt, die für dieses Krankheitsbild so typisch ist. Eigentlich ist Ihnen ja auch schon viel gelungen, gut dass Sie eine regelmäßige psychologische Betreuung haben! Auch Ihre Angst vor dem Dickwerden teilen Sie mit allen, die sich eigentlich aus den Klauen der Magersucht befreien wollen. Denn in all der Zeit haben Sie ja jegliches Gefühl für ausreichendes Essen verloren, sich leider aber auch jegliches Genusserleben verboten, das ist das besonders Traurige an dieser Krankheit. Was Sie neben der psychologischen Betreuung brauchen ist eine medizinische Begleitung, die auf ihre Blutwerte achtet und Sie Schritt für Schritt wieder aufklärt, was ein regelmäßiges, ausgewogenes und vor allem ausreichendes Essen ausmacht, sodass Sie keine Sorge vor Übergewicht zu haben brauchen, weil sich Ihr Körper dann auf ihr ganz persönliches sogenanntes Setpointgewicht einpendeln kann. Jetzt hat ein neues Jahr begonnen, sie haben knapp vor dem Jahreswechsel geschrieben, vielleicht hat es Ihnen geholfen, alte kranke Muster loszulassen und sich nun zu erlauben, neue Wege zu betreten, die wieder ein freieres, selbstbestimmteres Leben für sich und Ihre Familie - aber vor allem für Sie selber möglich machen und nehmen Sie dafür alle Unterstützung in Anspruch, die Sie bekommen können! Alles alles Gute dafür!!!

(Erweiterung der Fragestellung am 07.03.2015 um 21:35:38)

Danke für die Antwort.
Leider scheine ich dem Teufelskreis nicht entkommen zu können - oder wollen?

Für mich bedeutet ein BMI von 17,5 nicht Beginn von Normalität sondern Ende von Ana, die ich scheinbar nicht loslassen kann. Ich habe Angst der Fresssucht zu verfallen.

Ich hasse mich für jeden Bissen, muss aber essen, da meine Therapeutin mir sonst die Betreuung aufkündigen würde. Sie muss mir solche Verpflichtungen wohl auferlegen, als persönliche Absicherung. Kann das sein? Muss ein Psychologe Rechenschaft ablegen können? Ich will ihr keinen ärger machen. Ich bin so froh, sie zu haben, sie bedeutet mir sehr viel, ihre Hilfe ist meine Hoffnung.

Warum nehme ich zu, wo ich doch wenig esse, und nur kalorienarmes, -reduziertes? Ich will nicht dick werden. Warum denke ich, dass ein BMI von 17,5 einfach zu hoch ist. Ich sehe auf die Waage und in meinem Kopf verdrehen sich die Zahlen, ich sehe eine furchtbar hohe, erschreckende Zahl.

Immer öfter tritt das Gefühl auf, einfach nicht mehr aufzuhören zu essen. Ich hasse es. Und dann greife ich zu über 10 dulcolax, oder Entwässerungstees.

Der Wunsch nach schmerzen, \"Ersatzschmerz\" wofür?

Ich bin nicht stolz auf mich, aber ich kann mit diesem Gewicht nicht umgehen.

Der Jahreswechsel hat mir also keine Einsicht gebracht. Seit drei Jahren trage ich jetzt diese Diagnose in mir und frage mich, wie lang wird dieser Körper wohl noch mitspielen??

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