intakt Forum

zurück zur Übersicht

Inkonsequenz und Stolz

(Anonym fragte am 27.08.2012 um 23:43:00)

Hallo zusammen,

das ist mein aller erster Beitrag dieser Art und ich muss sagen, dass ich mich beim Schreiben dieses ersten Satzes schon seltsam fühle.
Ich leide seit nun fast sechs Jahren an Bulemie. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass das eine ernst zu nehmende Essstörung ist und ich krank bin. Mein Problem? Ich bin so verdammt stolz!
Ich habe Angst mein Gesicht zu verlieren, habe Angst mich zu dieser Krankheit öffentlich zu bekennen und Hilfe zu suchen - denn eines weiß ich: ich brauche Hilfe!

Gefühlte 1000 Mal habe ich mir gesagt: so, das wars, ab heute ändere ich alles!
Ich habe verschiedenste Methoden zur Motivation versucht: Tagebücher, Briefe an mich selbst. Forenbeiträge gelesen und Infos über die Konsequenzen der Krankheit eingeholt. Ich habe mich mit der Krankheit auseinander gesetzt und rational erkannt, dass das aufhören muss!

Ich kann es aber irgendwie nicht - ich bin verzweifelt! Seit kurzem ist es wieder extrem: zur Zeit erbreche ich 3-4x täglich. Sobald ich denke, dass mein Bauch wieder flach genug ist, falle ich wieder über den Kühlschrank her. Ich habe jegliches Maß verloren und merke es vor allem am Geld!
Jeden Scheißtag bete ich, dass ich es schaffe, doch sobald ich daheim bin verliere ich die Kontrolle!
Wie kann ich wieder Herr über mich selbst werden? Wie kann es sein, dass man in anderen Lebensbereichen konsequent und ehrgeizig sein kann und wenn es um die Gesundheit geht so versagt? Wie kann es sein, dass man als junges Mädchen sich so kaputt macht und doch glaubt es wäre der einzige Ausweg?

Meine Anfälle haben in der Maturazeit begonnen: immer wenn ich Stress hatte, habe ich GEFRESSEN und irgendwann haben alle blöd geredet, dass ich fett geworden bin. Das hat mich noch mehr fertig gemacht und die FAs verschlimmert. Irgendwann wusste ich mir nicht mehr zu helfen und habe begonnen, mich zu erbrechen. Zu Beginn haben meine Eltern Verdacht geschöpft und als ich die Zahnbürste mit der ich erbrochen habe VERSCHLUCKT habe, ist eine Welt zusammen gebrochen. Ich musste ins Krankenhaus und wäre fast gestorben.

Das Schlimme an der Sache - ich habe nichts daraus gelernt! Ich habe gelernt anders zu erbrechen, die Toilette zu reinigen, um alles zu vertuschen.
Und eines kann ich euch sagen: ich ekle mich vor mir! Ich mag mich nach den FAs nicht! Ich schau ind en Spiegel und frag\' mich wie lange es dauern wird, bis was noch Schlimmeres passieren wird? Ich habe MASSIV Haare verloren, meine Zähne passen *klopf auf Holz* soweit noch. Ich habe aber immer Angst, dass man es riecht...
Perverseweise kommt dazu, dass ich mich jeden Tag ca. 3x abwiege, um zu checken, ob ich die Kontrolle nach den FAs wieder erlangt habe, ansonsten esse ich nochmal, um erneut \'richtig\' zu erbrechen...

Ich weiß, mein Beitrag ist unstrukturiert und bleibt vielleicht unbeachtet. Ich habe mich gerade wahrscheinlich auch wieder zu sehr von meinem kranken Ich distanziert, um meine Lage entsprechend zu kommunizieren, aber ich weiß, dass ich hier irgendwie raus muss!!!

Gibt es - und ich weiß es klingt feige - eine Möglichkeit, anonym sich selbst zu heilen; mithilfe einer Anleitung o.ä.?
Ich weiß nciht mehr was tun, aber wenn ich dieses aktuelle Verhalten so weiterführe, habe ich bald keine Haare mehr am Kopf - was ws noch das geringste Problem sein dürfte...

Bitte um Inputs jeder Art!

(INTAKT antwortet am 29.08.2012 um 12:08:40)

Natürlich wird auch Ihr Beitrag beachtet!!! Auch wenn Sie glauben, er ist unstrukturiert, so zeigt er mehr als anschaulich die große Selbstabwertung, die mit diesem Krankheitsbild einher geht. Dabei wäre es so wichtig zu akzeptieren, daß all die Symptome Hilfeschreie Ihrer Seele sind, die es gilt, anzuhören, ernstzunehmen und durch eine persönliche therapeutische Beziehung in eine andere Ausdrucksform zu bringen, die es möglich macht, daß Sie sich neu annehmen lernen, nachsichter werden mit sich und all Ihre Ressourcen, die Sie einerseits haben, aber andererseits durch die Krankheit \"verschütt\" gegangen sind, wiederfinden und für ein selbstbestimmtes, genußvolles, eigenverantwortliches und Ihr kostbares Leben einsetzen können. Sie fragen zwar nach einem anonymen Weg, aber den sind Sie jetzt schon lang genug gegangen und immer tiefer in die Selbstabwertung gerutscht. Sie brauchen einen Menschen aus Fleisch und Blut, der Sie hört, der Sie annimmt, wie Sie sind, der ausgebildet ist, um Sie gut zu begleiten in dem Prozess zurück zu sich selbst, damit Sie wieder all die Kraft, die in Ihnen, steckt für diesen Gesundungsprozess einsetzen zu können. Schreiben Sie wieder, wenn Sie noch Fragen haben!

(Erweiterung der Fragestellung am 29.08.2012 um 18:46:28)

Ich habe endlos viele Fragen!
Wie kann ich an jemanden heran treten? An wen soll ich heran treten? Wie kann ich Beruf, Studium, Familie und eine Therapie unter einen Hut bekommen?
Gibt es Möglichkeiten sich in Behandlung zu begeben ohne den soziale Umfeld darüber informieren zu müssen?
Ich möchte zuerst selbst mit mir ins Reine kommen, bevor ich dieses intime Geheimnis teile...

Und ganz ehrlich:
Werde ich je wieder ein gesundes und normales Verhältnis zu essen gewinnen? Ich habe Angst, dass die Krankheit mein ganzes Leben dominiert....

(INTAKT antwortet am 31.08.2012 um 11:35:44)

Der Reihe nach Ihre Fragen: Wenn Sie im Wiener Raum wohnen, können Sie sich gerne einen Termin bei uns für ein Erstgespräch vereinbaren ( Tel Büro 01 22 88 770, Mo-Fr 9.00 - 17.00 ). Sonst rufen Sie trotzdem an und Sie bekommen Auskunft über Möglichkeiten in Ihrer Umgebung. Was das \"unter einen Hut bringen\" anbelangt, so ist die Frage sicher berechtigt, doch finden sich immer wieder Wege, wie man einen Freiraum auch für sich findet. Wobei es o.k. ist, wenn Sie Ihr Tun für sich behalten und sich die Zeit nehmen, die Sie brauchen, um sich mit Ihren Bedürfnissen zuzumuten. Auch wenn die Krankheit schon einige Zeit Ihr Leben dominiert, so vertrauen Sie trotzdem darauf, daß es Ihnen mit professioneller Hilfe und mithilfe Ihres persönlichen Umfeldes gelingen wird, neue Strategien zu entwickeln, um dem, was über die Krankheit einen Ausdruck findet, eine konstruktive Lebensform zu ermöglichen. Und da geht es nicht um Inkonsequenz und Stolz - leider werten Sie sich sehr damit ab -, sondern \"ich darf Hilfe in Anspruch nehmen; ich darf mich auch nichtperfekt zeigen; ich muß nicht alles allein schaffen; da gibt es Menschen, die mit mir ein Stück Wegs gehen und mir diesen Weg ausleuchten helfen, um Schritt für Schritt in ein gesundes Leben zurückzufinden\" Alles, alles Gute für diesen Weg!

weitere Fragestellung hinzuf�gen

Anmerkung: Aus Gründen der Sicherheit und um den Missbrauch des "intakt-Forums" zu verhindern, kann nur der- bzw. diejenige die Fragestellung erweitern, der/die auch die ursprüngliche Frage gestellt hat. Jedes Anliegen muss also mit einer neuen Fragestellung begonnen werden. Um die persönliche Fragestellung zu konkretisieren ist der zugewiesene Authentifizierungscode notwendig. Diesen erhalten Sie bei der erstmaligen Fragestellung. Jede Eintragung in das Forum bleibt anonym.