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habe ich eine chance, jemals eine \"normale\" einstellung zum essen zu entwickeln?

(Lilie fragte am 10.07.2012 um 20:47:01)

Hallo.
Da ich im moment nicht mehr wirklich weiß, wie ich weiter vorgehen soll, habe ich mich entschlossen, meine geschichte mal kurz in diesem forum zu schreiben. vielleicht haben Sie ja einen tipp und/oder eine anregung für mich, oder einfach ein paar aufmunternde worte...
ich bin 23 jahre alt. mit ca. 15 jahren bin ich durch ernährungsumstellung und \"nur ein bissl abnehmen\" in eine esstörung gerutscht (magersucht). ich war bereits zweimal in therapeutischer behandlung (jeweils ca 2 jahre) - einmal davon in einer auf esstörungen spezialisierten einrichtung (aber ambulant).
seit 1,5 jahren bin ich jetzt nicht mehr in behandlung und muss ehrlicherweise sagen, dass ich mich nicht als \"geheilt\" betrachte. ich bin soweit stabil was das körperliche betrifft (also kein untergewicht), aber meine gedanken kreisen noch immer sehr viel ums essen. phasenweise geht es besser, da fühl ich mich halbwegs wohl und der gedanke, dass ein paar kilo mehr zu meiner gesundheit beitragen, überwiegt. aber das ist in letzter zeit leider immer seltener der fall. ich merke einfach, dass ich nachwievor sehr plane, was ich wann esse, wie viel sport ich mache/machen muss etc. ich mach zwar eigentlich gerne sport, aber sehr oft zwinge ich mich auch zum joggen, nur damit ich dann dies oder jenes essen kann. auch wenn eine feier bevor steht plane ich, wann ich dann sport mache oder essen einspare. manche dinge \"kann\" ich grundsätzlich nicht essen, auch wenn ich vielleicht lust darauf hätte. beim essengehen esse ich eigentlich meistens salat. den esse ich zwar gerne, aber ich merke schon, dass ich so wie die anderen einfach gern mal ne pizza essen würde. eine herausforderung stellt auch spontanität dar. wenn ich höre, dass ich am abend da oder dort zum essen eingeladen bin, mein tagesplan darauf aber nicht eingestellt ist, macht sich leichte panik breit. im endeffekt schaff ich es dann eigentlich schon solche situationen zu meistern, aber allein dass sie mich derart stressen und nicht in erster linie freude bereiten, finde ich eigentlich traurig.
und ein teil von mir ist immer noch präsent, der quasi flüstert, dass ein paar kilo weniger doch ganz gut wären und auch besser aussehen würden. auch wenn mein verstand weiß, dass ich meinem körper damit nichts gutes täte. die nachwirkungen des jahrelangen untergewichts sind ohnehin noch spürbar.
ich merke auch, dass ich versuche, nach außen hin so normal wie möglich zu wirken. das erfordert einiges an energie. denn die planerei und grübelei spielt sich ja trotzdem in meinem kopf ab. wenn es dann gar nicht mehr geht, breche ich irgendwann quasi zusammen - da reicht schon ein kleiner auslöser, der im normalfall vielleicht ganz unbedeutend wäre. da gehts mir dann so richtig mies, bis ich mich wieder ein wenig erfange. mein freund weiß im groben über die problematik bescheid und ist mir in solchen situationen eine große stütze. aber das kann doch nicht ewig so weiter gehen.
ich hab schon mehrmals überlegt vielleicht doch wieder eine therapie zu beginnen. aber irgendwie bin ich therapiemüde.ich habe keine kraft, das ganze wieder von vorne aufzurollen und zu bearbeiten. und wenn es dann ohnehin wieder nur kurzzeitig hilft?
gibt es überhaupt die chance auf eine vollständige genesung? also eine normale einstellung zum essen, keine zwangsgedanken was das (nicht-)essen betrifft, ein (nicht-)gestörtes körperbild?
haben Sie da antworten für mich?

viele grüße und danke fürs zuhören/lesen!

(INTAKT antwortet am 11.07.2012 um 23:29:13)

Liebe Lilie, Ihnen ein großes Danke für Ihren so offenen Brief!
Zuerst zu Ihren Fragen, die man schwer klar beantworten kann. Denn für jeden Menschen gibt es einen Zusammenhang zwischen Essen und Belastung, schon unsere Sprache hat viele Beispiele dafür \"das liegt mir im Magen\" \"diese Nachricht ist schwer verdaubar\" \"das bleibt mir im Hals stecken\" \"das ist schwer zu schlucken\" etc. Jeder von uns weiß um Erlebnisse, wo etwa schwierige Prüfungen oder belastende Begegnungen unterschiedlichste Auswirkungen im Verdauungstrakt, aber auch im Essverhalten hervorrufen können. Wie will man dann vollständige Genesung definieren? Wenn jemand schon so ein weiten Weg wie Sie gegangen ist und auch schon soviel erreicht hat, so ist es trotzdem verständlich, daß sich Nachwirkungen zeigen, die vielleicht darauf hinweisen, daß einige Bereiche in Ihrem Leben noch eine besondere Aufmerksamkeit brauchen. Wenn es einem gelingt, belastendes Essverhalten als Parameter dafür zu erkennen, dass etwas aus der inneren Balance gekippt ist, dann braucht man sich dafür nicht abzuwerten oder infrage zu stellen, sondern darf auf die Suche gehen, was man grad wirklich braucht. Sie beschreiben so schön, daß es Ihnen ja auch phasenweise gut geht, was ist diesen Phasen gemeinsam? Sind Sie da mehr in Kontakt mit Menschen, die Ihnen wichtig sind? Passen Sie da besser auf sich auf und können Sie sich besser abgrenzen von dem, was Sie vielleicht überfordert? Erlauben Sie sich da mehr, Ihre Bedürfnisse zu artikulieren, sich auch zuzumuten, selbst wenn es die Befürchtung gibt, das könnte für andere eine Zumutung sein? Hören Sie da leichter auf Ihre inneren Stimme? Dazu gäbe es noch unzählige Fragen....! Manchmal darf man sich aber auch ein paar Auffrischungsstunden mit vertrauten Therapeuten gönnen, da braucht man nicht mehr alles aufrollen, sondern kann Hilfreiches vertiefen und dadurch wieder mehr Sicherheit und Zuversicht gewinnen. Alles Gute und viel Glück und Erfolg auf Ihrem weiteren Weg!

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