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Wie geht es weiter?

(Anonym fragte am 08.07.2011 um 10:44:48)

Ich hatte mich am 28.03. hier gemeldet und einfach so meine damalige Situation auf den Tisch geworfen. Nun sind ja wieder viele Wochen ins Land gegangen, ich hab mich weiter entwickelt, aber bin immernoch nicht am eigentlichen Ziel angekommen.
Folgendes hat sich in der Zwischenzeit ereignet. Ich habe damals von meiner Essstörung berichtet, die schon sehr sehr viele Jahre mein einziger treuer Begleiter in meinem Leben war und ich mein anorektisches und bulimisches Verhalten weiter praktiziert und kultiviert hatte trotz Therapie. Diesen Begleiter habe ich zum großen Teil hinter mir gelassen. Aber noch nicht völlig. Im Mai war meine letzte Therapiestunde. Eine Fortsetzung unter anderem Fokus ist seitens der Therapeutin und mir angedacht, aber steht ein Stück weit in den Sternen wann. Seit der letzten Stunde hat sich auch viel geändert. Davor war ich noch im Untergewichtsbereich, habe doch recht oft noch erbrochen. Mein Gewicht ist nun am unteren Ende des Normalgewichts, ich esse wieder und mein Körper darf das auch behalten. Ich versuche mein Leben wieder aufzubauen, ein stabiler Freundeskreis ist am wachsen, ich strukturiere mich immer mehr. Meine inneren Anspannungs- und Stresszustände sind dagegen sehr stark angewachsen seit ich meine Essstörungsmuster nicht mehr so exzessiv fahre, so dass ich seit 2 Wochen ein angstlösendes Medikament nehme. Das erleichtert einiges, macht aber furchtbar müde. Es verhindert diese latente Angst, das Gefühl von Bedrohung, Verfolgung, Gefahr und Beobachtet werden, es verhindert auch den Zwang ununterbrochen zu denken und denken und denken, bis ich nicht mehr weiß wo oben und unten ist und vor lauter Druck mich dem Essen hingebe. Es gibt Zeiten, da habe ich das Gefühl, mich überschwemmen die aktuellen Probleme. In diesen Zeiten möchte ich mich so gerne wieder in die Arme meines alten, treuen Begleiters flüchten, so tun als sei ich nicht mehr existent auf dieser Welt und sei es nur für ein paar Minuten. Andererseits habe ich den Anspruch an mich, mich loszusagen von Suchtstruktur, weil ich das ja kann und mir nicht ständig mit dem Hintern das einreißen will, was ich mir vorne aufgebaut habe, aufhören will mich selbst zu belügen und zu verarschen, meinem Körper und Gefühlen Versprechungen zu machen, die ich dann doch nicht einhalte. Ich habe es aber wieder getan und mich verweigert zu verdauen, nicht oft, aber trotzdem hab ichs getan. Ach, es ist so furchtbar traurig, wenn ich merke, dass sich auch dadurch keine Probleme lösen. Das weiß ich auch schon vorher, stelle mich selbst vor die Entscheidung zu Essen und Erbrechen oder es sein zu lassen. Ich hole mir meinen alten Begleiter wieder vollen Bewusstseins ins Haus, um festzustellen uns verbindet nur noch die Erinnerung an schöne gemeinsame Stunden. Aber ich lade ihn doch wieder ein. Der Stolz wochenlang ohne Essstörungsmuster zu leben verpufft so schnell im Sumpf der eigenen Ansprüche und Normalitäten. Ich halte mir dann vor Augen, wie oft ich doch wieder rückfällig geworden bin. Das ist zwar im Vergleich zu vorher so gut wie gar nicht, aber langsam fällt mir das auf, dass ich immernoch dazu neigen mich dem Müßiggang hinzugeben. Ich finde es scheiße von mir mich bei vollem Bewusstsein wieder der Verantwortung für mein Leben zu entziehen und mich schon seit Mai 5 Mal für das Erbrechen als Zwischenlösung entschieden zu haben. Und diese 5 mal waren eigentlich nur seit Mitte Juni, als ich mich in potentielle Angst reingesteigert hatte. Und diese Angst hatte mir gezeigt, dass ein Rucksack deutlich größer ist als ich ihn mir bisher traute einzugestehen.
Ich hatte damals auch geschrieben, dass ich beim humangenetischen Institut bei Gesprächen bin, wegen der Erbkrankheit in meiner Familie. Da hat sich noch immer nichts getan, ich weiß noch immer nicht meinen genetischen Status. Gespräche gehen im August weiter. Das zieht sich seit Ende Februar nun schon hin und ich eine manchmal unendlich erscheinende Quälerei und Warterei. Die kennen mich mit allen Schwächen, aber wollen immer noch mehr Gespräche. Sie wollen sich um mich kümmern, ob es mir passt oder nicht. Ich habe furchtbare Angst vor der Verkündung des Ergebnisses und in diese Angst kann ich mich seit mit Mitte Juni sehr autentisch reinsteigern. Und das Schlimme ist, ich weiß selbst, dass es grad unsinnig ist, sich jetzt darüber Gedanken zu machen. Ich kann diese Ungewissheit immernoch als Legitimation gebrauchen, mich nicht frei zu entfalten, klein und unscheinbar zu halten, meine Bedürfnisse nicht völlig einzugestehen, Lebenszielen ins Auge sehen. Sie verlieren sich dann in den Gedanken der Sinnlosigkeit, wenn ich doch krank sein werde. Und es ist furchtbar schwer, mich davon zu lösen. Es ist so existentiell. Mein Studium hängt zur Zeit auch. Irgendwie sehe ich kein Ziel, habe aber irgendwie viel vor und Träume. Aber immer latent im Hintergrund die Aussicht auf diese Krankheit, die lähmt wieder alles was mit meiner Zukunft zu tun hat. Ich weiß, ich sollte mich nicht so von potentiellen Aussichten manipulieren lassen.

Ach, manchmal ist das Leben und das selbstständige Laufen so verflucht schwer und mühsam. Ist es verwerflich mir mal zu wünschen, ich wäre nicht da, hätte jemand, der mir meine Probleme weg nehmen könnte? Ich weiß, dass das niemand kann, aber die Vorstellung wäre doch einfach grad so bequem, leicht und erlösend. Ist es verwerflich meiner exsessiven Essstörung hinterher zu trauern und dem bequemen Nest, den Schutz, die sie mir geboten hat?

Bezüglich der Essstörung brauche ich mich bei meiner Therapeutin gar nicht mehr blicken zu lassen. Ich weiß ja, was sie mir diesbezüglich schreiben würde (Verweis auf Entscheidung und Selbstverantwortung) und ich müsste ihr recht geben. Ich habe lange gebraucht um mich aus der Abhängigkeit zu lösen, von ihr, von Teilen der Vergangenheit, von Sucht, von Gedanken und Dauerdenken, mich Halten in Ambivalenzen. Ich hab die Abhängigkeiten noch nicht mal gesehen und die Therapeutin hatte konsequent daran gearbeitet, dass ich sie sehe. Ich hab sie gesehen und großteils beseitigt und mit der Beseitigung schwand auch ein Stück weit die Motivation zur Praktizierung der Essstörung. Ich habe immer gedacht, Therapie kann mir meinen ganzen Schmerz aus der Vergangenheit weg nehmen, ungeschehen machen, war enttäuscht und verwirrt weil das nie geschehen ist. Und ich schäme mich schon ganz heftig, dass ich mich auch recht unerwachsen teilweise verhalten habe, fast trotzig war und wütend auf meine Therapeutin. Letzten Endes bin ich ihr so unendlich dankbar, dass sie so wehement und konsequent mich auf den Weg zur Unabhängigkeit geführt hatte. Das hatte kein anderer Therapeut den ich hatte gemacht. Und nun nehme ich mir wieder meine Verantwortung für mein Leben. Vielleicht auch noch nicht ganz. Ich weiß es nicht. Aber ich müsste doch so strebsam und zielorientiert sein wie die „Gesunden“, weil ich doch auch sozusagen gesund bin. Nur irgendwie gibt es das Problem, ich nehme mir die Verantwortung in so einer großen Menge, dass ich mir so ziemlich jede Legitimation entziehen kann, Hilfe zu suchen und einzufordern, wenn ich mal das Gefühl habe, ich bräuchte welche. Ach, wieder kein Mittelmaß. Ich weiß dann letzten Endes gar nicht mehr ob ich überhaupt Hilfe brauche und berechtigt bin, weil ich ja keine akute schlimme Essstörung mehr habe. Weil letztlich weiß ich, dass ich das alles alleine regeln werde, muss, soll und will. Ich hatte mit der Therapeutin ausgemacht, wenn der Test auf die Huntington-Krankheit gemacht wird und ich denke, dass wird eine zu große Aktion um sie alleine zu bewältigen, kann ich mich melden. Ich weiß, dass das eine riesengroße Aktion wird, sich hinterher alles verändern wird, aber irgendwie brauche ich mich doch nicht zu melden, weil ich doch weiß, dass ich das irgendwie früher oder später mehr oder weniger gut bewältigen werde, egal wie das Ergebnis ausfallen wird. Ich fühle mich so ausgeliefert und irgendwie hilflos, obwohl es objektiv keinen Grund gibt.

Ich verwirre mich echt noch ganz gut selbst. Und letztlich weiß ich nicht mehr was ich machen soll, wie es weiter geht.

(INTAKT antwortet am 11.07.2011 um 18:44:19)

Gut, daß Sie sich wieder gemeldet haben und von Ihrer momentanen Befindlichkeit schreiben, gut auch deshalb, weil es immer wieder hilfreich ist, sich etwas von der Seele schreiben zu können. Und Sie werden gehört - bzw Ihre Zeilen werden gelesen!
Bitte anerkennen Sie sich Ihre Ehrlichkeit, aber vor allem, was Ihnen auch in den letzten Wochen gelungen ist und wie sehr Sie immer wieder mit sich ringen, nicht wieder in altvertraute Verhaltensmuster zu verfallen. Bitte sehen Sie die 5x als Vorfälle und nicht Rückfälle an, seien Sie nachsichtig mit sich und bestätigen Sie sich immer wieder, daß man nicht immer alles gleich gut im Griff habe kann. Sie haben einen langen, beschwerlichen Weg hinter sich und er ist immer noch nicht leicht, doch Sie gehen ihn mit Ausdauer und Konsequenz. Dass die noch ungeklärte Frage der Erbkrankheit Sie immer wieder einholt, ist nur zu verständlich, alles Ungewisse belastet mehr als wenn man veränderten Gegebenheiten tapfer ins Gesicht schauen muß. Aber selbst wenn Sie einen positiven Bescheid bekämen, hieße das noch lange nicht, daß die Krankheit überhaupt jemals bei Ihnen ausbrechen muß!!! Es ist nur zu verständlich, daß Sie sich oft wünschen, jemand anderer könnte Ihr Pinkerl mittragen oder auch abnehmen, sich einzugestehen, daß das ein großer Wunsch ist, hilft schon mehr, als wenn man sich dafür verurteilt. Und auch der Trotz und die Wut haben ihre Berechtigung, so wie auch Platz für große Dankbarkeit. Wichtig ist auch die Dankbarkeit sich selbst gegenüber, daß Sie diese Erkenntnisse, mit denen und um die Sie so sehr ringen, auch so ehrlich aussprechen können, bzw eben schreiben. Das zeugt von sehr großem Eigenverantwortungsbewußtsein, da sind Sie mit Ihrer Therapeutin einen sehr guten Weg gegangen!!!Und trotzdem kann es passieren, daß man sich in bestimmten Situationen wieder hilflos erlebt, da darf man sich wieder besinnen, daß das eben grad so ist, weils eben auch grad so schwierig ist, das soll man sich auch bestätigen und gleichzeitig weiß man, daß man mehr Ressourcen zur Verfügung hat, als man im Moment glaubt. Und das ist dann weniger ein Verwirren, sondern ein Moment, der sich wieder zu positiven Entwicklungen verändern darf. Aus Ihrem Brief ist aber auch trotzdem Vertrauen herauszulesen, dieses gilt es auch immer wieder zu nähren, auch wenn man manchmal nicht weiß, wie\'s weitergeht. Gönnen Sie sich in solchen Momenten auch die Ratlosigkeit, aber achten Sie darauf, was Ihnen gut tun könnte, wovon Sie aus Erfahrung wissen, daß es das Vertrauen stärkt: eine gute Musik, ein schönes Bild, ein heilender Spruch, ein Spaziergang, ein Telefonat mit einem lieben Menschen oder eben schreiben......Von Herzen alles, alles Gute weiterhin!

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