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innerlicher Stress

(Anonym fragte am 28.03.2011 um 00:54:33)

Hallo,

Eigentlich weiß ich noch nicht, auf welche konkrete Frage sich meine Zeilen hinauslaufen werden. Folgendes Problem: Ich habe seit mindestens 17 Jahren eine bulimische Essstörung. Seit etwas mehr als 4 Jahren bin ich selbst Mutter. Seit dem dominiert eine Anorexie. Nach der Geburt meiner Tochter war ich eine grotten schlechte Esserin (hatte keine Auswirkung auf die Stillbeziehung), hab in der Schwangerschaft schon fast nichts zugenommen. Je größer meine Tochter wurde, umso schmaler wurde ich. Es war verhext, was meine Tochter die ersten drei Jahre zugenommen hatte, hatte ich abgenommen, ich bin wirklich bei Addieren der Gewichte von ihr und mir auf das Gewicht in der 5.SSW gekommen, da wurde ich das erste mal seit ewigen Jahren gewogen und das war da völlig normal mit BMI von 22,5. Und dass obwohl wir beide die beste Beziehung zueinander haben (von KV bin ich seit 3 Jahren getrennt). Erbrechen hatte ich nach 4 Monaten das erste Mal wieder versucht, was aber absolut nicht ging, mein Körper wollte nichts hergeben. Als es dann wieder \"klappte\", bestand ich nur noch aus Essen und mir die Seele aus dem Leib kotzen, bestimmt 8 mal am Tag. Ich bin seit 3 Jahren immer wieder mal in therapeutischer Behandlung, immer wieder Verhaltenstherapie, weil es hier so irre schwer ist überhaupt eine probatorische Stunde zu bekommen.
Jedenfalls hab ich gerade die von der KK genehmigten VT-Stunden hinter mir und stehe eigentlich doch wieder am Anfang. Ich habe festgestellt, dass VT zwar etwas Struktur in mein Leben gebracht hat, ich Strategien gelernt habe, aber an dem Eigentlichen nichts geändert hat, und eigentlich kann ich die Struktur nicht einhalten, die Strategiern nicht anwenden kann. Ich war schon immer recht froh gewesen keine komorbide Störung zu haben (so was wie Depressionen, Angststörung, BPS, etc), aber weil ich von der Essstörung nicht lassen kann, hab ich mich für sehr unfähig und schwach gehalten. Die letzten 15 Stunden VT war ich bei einer anderen Therapeutin, weil meine \"alte\" Therapeutin weggezogen war. Leider, aber auch Gott sei Dank. Die \"neue\" macht neben VT, auch tiefenpsycholigische Verfahren, Traumatherapie. Wir hatten erarbeitet, dass meine Essstörung eine Bewältigung für traumatische Erfahrungen darstellt. Dieses Trauma ist durch verschiedene Sachen hervorgerufen. Einerseits ist es mein völlig Kopf stehendes Elternhaus, in dem ich als jüngstes Familienmitglied zusammen mit meiner Oma zwei Schwerstkranke, emotional gestörte Menschen gepflegt habe seit ich klein war. Die beiden sind meine Mutter und meine Tante, die beide eine neurodegenerative Erkrankung hatten, die zu emotionalen Störungen, Pflegebedürftigkeit und schließlich nach 15-20Jahren zum Tod führt. Meine 2 Jahre ältere Schwester hat diese verfluchte Krankheit auch seit 10 Jahren (Zeitpunkt des Ausbruchs der Krankheit ist wie der von Mama). Ich weiß es nicht, ob ich nicht auch Genträger bin, hab mich nicht testen lassen, bin aber gerade dabei, damit ich eine Traumatherapie anfangen kann, wenn die KK überhaupt weiterhin eine psychotherapeutische Behandlung genehmigt.
Jedenfalls bin ich zur Zeit innerlich massiv in Stress. Das sind wohl nachtraumatische Erinnerungen, die so langsam hochquellen und rausblubbern. Dieser Zustand ist seit fast 1,5 Jahren so, seit ich mich auch wieder an sex.M erinnern kann. Jedenfalls bin ich froh, dass das, was mich da jetzt innerlich überkommt wenigstens mal einen Namen bekommen hat. Also, dass ich traumatisiert bin. Ich kann es aber noch nicht begreifen, was das für mich heißt, auch wenn ich die Theorie von Trauma kenne. Dann komme ich mir wenigstens nicht wie ein Schmarotzer und Hypochonder vor, weil ich so eine liebe Therapeutin hatte, die ES aber nicht weg ging und die KK so irre viel Geld für mich schon ausgegeben hat.
Jedenfalls ist mein Hauptproblem gerade diese sich aufbauschenden Stressreaktionen in mir. Ich weiß noch nicht mal, weshalb die stattfindet. Es gibt selten einen direkten, eindeutigen Trigger. Es ist zB, wenn ich mich hinlege oder nachts mal aufwache, tagsüber kommt plötzlich dieser Stress, der immer stärker wird und mich sehr beansprucht. Meist ist er einfach so latent da, schwach aber fühlbar, dann wieder stärker. Ich will dann eigentlich nicht raus, mich verkriechen, bin sehr empfindlich was Geräusche angeht, habe Angst (keine Angststörung, aber es ist ein Gefühl und Bild, dass jemand kommt, sich auf mich drauf legt, mich umbringt oder irgendwas macht, was ich nicht mehr kontrollieren kann geschweige denn möchte. Manchmal habe ich Situationen von früher im Kopf, aber kein Gefühl dazu. Oder oft es ist da einfach nur was difuses, was noch unsichtbares, aber es ist was da. Also, ich habe keine Angst, dass mir das draußen passiert oder hinter jedem Haus jemand steht und mir was antut, dass ist nicht, aber es ist in meinem Kopf, lässt mich nicht los, stresst und entrückt mich von jeglichem Gefühl für meinem Körper. Ich weiß nicht, ob ich hunger hab, oder durst, ob ich müde bin oder so. Ich mache mit meiner Tochter viel, dass kann ich auch irgendwie genießen, wenn nicht zu viele Menschen um mich herum sind. Aber wenn ich innerlich so \"beschäftigt\" bin, dann merkt sie das bestimmt auch. Ich bin eigentlich sehr feinfühlig, was Bedürfnisse und Absichten/Wünsche anderer Menschen angeht. Ich habe mitbekommen, dass sie in den Zeiten, in denen ich zu introvertiert bin, ihr Verhalten auch etwas \"deutlicher\" macht. Deswegen schaffe ich mich auch wieder \"zusammen zu reißen\", nur halt nie lange oder effektiv. Dann analysiere ich mein Verhalten, reflektiere mich, ob ich was in der Beziehung zu meiner Tochter verkehrtes mache, ob ich emotional verschlossen bin ihr gegenüber, welche Auswirkungen das auf sie haben könnte, ob sie auch über mein Essverhalten nachdenkt usw usf .... und schon entseht evt ein neuer Kreislauf. Manchmal mag ich den auch nicht stoppen, weil die Gedanken so interessant sind, bis ich merke, ich stecke schon ziemlich tief drin.
In diesen Zeiten, geht mein Gewicht wieder herunter und ich kann einfach meinem Körper nicht erlauben sich an Nahrung zu stärken, aus Angst, er macht nicht mehr das, was ich will (so wie es bei unserer Familienkrankheit ist). Mein Gewicht ist jetzt vom BMI nicht total bedenklich, aber für mich latent schwächend (zw. 53 und 54kg bei 173cm ). Ich habe auch in meinen schlimmsten Zeiten nicht unter einem BMI von 16 gekonnt, weil ich ja für meine Tochter da bin und sie auch sehr lange gestillt hatte. Wenn ich körperlich durch niedriges Gewicht zu sehr geschwächt bin, dass mir schon im Liegen schwindlig wird, esse ich, bin er wieder funktioniert, dann darf er nicht mehr als nötig.
Ich weiß einfach grad nicht, was ich machen soll. Ich weiß theoretisch, wie es geht, was ich alles machen muss, aber ich darf es mir nicht erlauben. Ich habe auch Übungen zum Gedankenstoppen. Nur je mehr ich versuche Gedanken zu stoppen, umso aufdringlicher werden sie. Außerdem hab ich auch nicht immer sofort konkrete Gedanken, wenn ich diese Stressreaktion habe. Deswegen weiß ich dann nicht sofort, was ich stoppen soll (oft fällt mir es auch erst sehr spät ein, dass das schon wieder diese Reaktionskette ist). Mein Körper ist mir zwar nicht völlig egal, ein bisschen schaue ich schon, ob ich \"gesellschaftsfähig\" aussehe. Aber mehr als funktionieren darf der auch nicht. Und es geht einfach nicht, dass ich mir mal was schönes zu essen gönne und genieße. Ich würde gerne, mache auch ab und an schöne Sachen, aber ich kann mir, vor allem in diesem oberstressigen Zeiten, nicht erlauben, die drin zu behalten.
Wissen Sie, es ist schon eine schlimme Erkenntnis, wenn man so lange Therapie macht und trotzdem wieder am Anfang steht. Ich war so motiviert und dachte, ich krieg die ES los, und es gab auch eine mal mehr mal weniger stabile Verbesserung, aber ich bin nun mit so vielen Abwehrmechanismen konfrontiert und wer weiß, was da überhaupt alles ist, dass ich sie schon gar nicht mehr überschauen kann. Ich weiß grad nicht, wie ich mit mir umgehen soll. Und ich hab so eine Angst, dass die KK die weiterführende Traumatherapie nicht genehmigt, weil dann stehe ich für 2 Jahre mit meinem inneren Gerümpel alleine da, und das jetzt, wo das scheinbar anfängt rauszuquellen. Andererseits hab ich auch Angst, dass bei der Traumatherapie dann rauskommt, dass alles doch nicht so schlimm war, dass sie eine so schwere und anhängliche ES rechtfertigt, und ich doch ein Versager und Hypochonder bin.
Ich frag mich grad wo meine Ironie und Witz geblieben ist, mit der ich sonst alles recht verharmlosen kann. Ich fühl mich aber wohl grad eher wie ein weggespuckter Kaugummi, der seine Lage bejammert.

Liebe Grüße, Entschuldigung, ist ein bisschen sehr lang geworden. Mich kurz zu fassen gehört leider nicht zu meiner Stärke

(INTAKT antwortet am 28.03.2011 um 14:55:25)

Danke für Ihren langen und sehr ausführlichen Brief, der widerspiegelt, in welch schwieriger Situation sie sind und was Sie auch schon alles durchgemacht haben. Gleichzeitig zeigt er aber auch, wie Sie drangeblieben sind an Ihrem Prozess, und inzwischen auch Ihnen mehr bewusst geworden ist, wie komplex Ihre Geschichte ist. Bitte fühlen Sie sich weder als Versager noch als Hypochonder!!! Gut, dass Sie abklären, ob Sie Genträger Ihre „Familienkrankheit“ sind, das verschafft Klarheit, mit der man besser umgehen kann. Im Prinzip müsste die KK schon eine weitere Behandlung ermöglichen: sie sind alleinerziehende Mutter mit großer Verantwortung und Ihre Familienkrankheit und ihre jahrelange Traumatisierung sind sicher Faktoren, die Ihre Therapeutin beim Antrag berücksichtigen möge oder Sie selber können vielleicht mit dem Chefarzt der KK, der Psychotherapie bewilligt, Kontakt aufnehmen. Was Ihr Muttersein anbelangt, so sind Sie sehr verantwortungsbewusst, wichtig wäre es, Ihrem Körper auch das zu geben, was er dringend braucht, nämlich regelmäßige, ausreichende Nahrung, damit auch das Nervengerüst gut versorgt ist – das nützt á la longe Ihrer Tochter, aber sollte vor allem auch Ihnen nützen. Bitte nützen Sie Ihre ausgeprägte Einfühlsamkeit auch für sich und seien Sie sich selbst Ihre beste Freundin. Bitte fühlen Sie sich nicht wie ein weggespuckter Kaugummi, sondern anerkennen Sie sich, dass Sie in aller Offenheit und Ehrlichkeit Ihre Lage geschildert haben. Es ist schon ein wichtiger Schritt in Richtung sich selber ernst nehmen, wenn Sie diesmal vertraute Ironie und Witz zum Überspielen weggelassen haben. Außerdem stehen Sie nicht am Anfang Ihres Prozesses, sondern Sie sind mittendrin, anerkennen Sie sich auch, was Sie sich schon alles erarbeitet haben, das darf Ihnen auch wirklich zu Gute kommen. Seien Sie nachdrücklich, dass Sie auch weiterhin psychotherapeutische Behandlung bekommen können.
Alles, alles Gute dafür !!!!

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