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ich habe eine Frage

(Anonym fragte am 12.05.2010 um 22:39:11)

Hallo,

Ich habe einige Probleme und ich weiß nicht, wie ich damit zurecht kommen soll. Das Problem ist auch, dass ich gar nicht mehr will. Ich will nicht mehr kämpfen und überhaupt mit dem Leben weitermachen. Aber ich mache es, weil das halt sein muss. Meiner Familie würde es ohne mich sehr sehr schlecht gehen.

Ich bin jetzt 19. In der Volksschule und anfänglich im Gymnasium war ich sehr dick, dann habe ich abgenommen, dann wieder zu genommen, jetzt wieder abgenommen. Unterstützung hatte ich eigentlich nie. Ich habe als Kind nie gelernt, wie man ordentlich isst. Meine Mutter hat eine schizoaffektive Psychose, dementsprechend viel Verantwortung hatte und habe ich immer noch. Ich muss aufpassen was ich sage, tue und wie es ihr geht - mit was sie zurecht kommt und mit was nicht. Ich lebe nicht mit ihr alleine, mein Großvater lebt mit uns in der Wohnung.

Ich habe seit ca. 3 Jahren Bulimie allerdings nicht durchgehend. (Probleme mit mir selbst und mit meinem Gewicht habe ich seitdem ich 10 war) Es gab Phasen, in denen es sehr schlimm war und welche, in denen ich gar keine solchen \"Anfälle\" hatte. Abgenommen habe ich in den Bulimie-Phasen nie, sondern durch hungern und Sport, oder durch relativ normal essen und Sport. So habe ich in diesen 3 Jahren 23kg abgenommen.

Jetzt habe ich mich aber überhaupt nicht im Griff und aus meinen Depressionen, die ich schon seit sehr sehr langer Zeit immer wieder und immer öfter habe, komme ich nicht heraus. Ich weiß nicht, warum ich weiterleben sollte; was ICH davon habe. Momentan lebe ich nur für andere, ich selbst habe nichts davon.
Ich verletze mich selbst, nehme momentan zu, habe Bulimie und seit einem Jahr keine Regel mehr.
Also, meine Verfassung ist im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden. Ich weiß nicht, was ich davon habe, weiterzuleben.

Können Sie mir irgendetwas sagen? Warum soll ich weitermachen? Ich glaube nicht daran, dass meine Verfassung besser werden wird...

(INTAKT antwortet am 13.05.2010 um 12:11:59)

Aus Ihrem Brief spricht große Verzweiflung und eigentlich auch Resignation, das berührt mich sehr. Sie gehen schon einen langen Weg des Kampfes mit Ihrem Gewicht, da ist Ihnen allerdings auch viel gelungen, wenn Sie in 3 Jahren 23 kg abgenommen haben (beruhigend zu lesen, daß Sie es auch mit relativ normal essen und Sport geschafft haben). Die Phase zwischen dem Abnehmen und Ihr erreichtes Gewicht zu halten scheint Ihnen sehr schwer gefallen zu sein, daher hat sich Ihr belastendes bulimisches Verhalten entwickelt.
Gleichzeitig lese ich ein großes Verantwortungsgefühl aus Ihren Zeilen heraus, ein Verantwortungsgefühl für andere, kaum für Sie selbst. Der Satz \"Unterstützung hatte ich eigentlich nie\" drückt eine große Überforderung aus, mit der Sie, aufgrund der Erkrankung Ihrer Mutter, vielleicht schon in viel zu jungen Jahren haben fertig werden müssen und mit der Sie nach wie vor konfrontiert sind. Daher ist Ihre Resignation verständlich, weil Sie gar nicht wirklich gelernt haben, gut auf sich selber aufzupassen, Ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erspüren und ernst zu nehmen, sich abzugrenzen und wirklich für Ihr Leben Verantwortung zu übernehmen. Sich selbst zu verletzen und bulimisches Verhalten sind sehr autoaggressiv, das läßt daraus schliessen, daß Sie nicht nur mit Ihrem Gewicht, sondern auch mit sich selbst sehr im Kampf sind. Und das ist sehr traurig.
Auch wenn Sie nie Unterstützung hatten, so hätten Sie jetzt die Möglichkeit Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sowohl medizinische als auch psychotherapeutische. Medizinisch mit einer praktischen Ärztin, die Sie unterstützt, wieder in ein geregeltes Essensverhalten zurückzu- finden oder eben überhaupt erst zu erlernen und sich bewußt zu machen. Medizinisch aber auch mit einer Psychiaterin, die Sie eine Zeitlang mit Medikamenten unterstützt, um Ihren jahrelangen Depressionen eine Entlastung zu gewähren - vielleicht haben Sie aufgrund der Erkrankung Ihrer Mutter eine Scheu davor - aber die richtigen Medikamente erleichtern und unterstützen, eine Zeitlang eingenommen den Heilungsprozess, der vor allem durch Psychotherapie ermöglicht wird. Dabei lernen Sie, mit Ihren Belastungen anders umzugehen und eben - wie oben beschrieben - anders oder neu Verantwortung für Ihr eigenes Leben zu Übernehmen.
Natürlich können Sie sich aus Ihrer momentanen Verfassung heraus überhaupt nicht vorstellen, wie sich etwas zum Guten verändern kann, doch wissen wir aus Erfahrung, daß dies möglich ist. Und wenn Ihnen auch im Moment nichts einfällt, was für Sie lebenswert wäre, so gibt es sicher Aspekte in Ihrem Leben, die es wert sind, sich dafür einzusetzen und mit professioneller Hilfe werden Sie diese auch entdecken.
Sie haben uns geschrieben, Sie waren sehr ehrlich und haben sich in Ihrer Verzweiflung gezeigt - haben Sie den Mut zum nächsten Schritt, um diese Hilfe wirklich in Anspruch zu nehmen. Oder schreiben Sie noch einmal, wenn Sie mehr wissen wollen. Alles alles Gute!

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