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Ich kann nichts essen - ist das überhaupt noch eine Essstörung?

(Anonym fragte am 12.11.2015 um 19:20:46)

Meine Essstörung hat 2008 begonnen, ich war damals 12 Jahre alt. Jetzt bin ich 19.
Am Anfang war es ein simpler „Hungerstreik“, der bewirken sollte, dass meine Eltern mich endlich sehen. Natürlich hatte ich bald einen Fressanfall.
Das ging dann immer so weiter, Phasen von Hungern (meistens bis zum Abend, manchmal schaffte ich es auch, einen ganzen Tag lang nichts zu essen), dann Fressen, wieder Hungern, Fressen, es normal versuchen, hungern, etc.
In dieser Zeit hab ich mich auch immer wieder absichtlich übergeben, aber es ist nie regelmäßig geworden.
Dann 2011, erster Klinikaufenthalt nach zwei Nervenzusammenbrüchen. 4 Monate, Essen nur am Rande erwähnt. In dieser Zeit viel zugenommen, von leichtem Untergewicht auf unteres Normalgewicht.
Danach ging es ganz genauso weiter wie vorher.
Ich schaffte es jedoch immer öfter und länger, nichts zu essen. Wieder abgenommen, altes Gewicht.
2012 1. Suizidversuch. Klinikaufenthalt. Wieder sagt niemand etwas zu meinem Essverhalten.
Nach zwei Wochen komme ich in die Tagesklinik, ich übergebe mich mittlerweile öfter. Phase des nahezu Nichtsessens, wochenlang. Es fällt auf, wird in meiner Akte vermerkt. Das wars so ziemlich. 2 weitere Suizidversuche. Depressionen.
Ich entwickle eine, ich würde sagen atypische, Bulimie. Meine Fressanfälle sind normale Mahlzeiten.
2013 ziehe ich in eine betreute WG. Ich werde an meinem 2. Tag dort auf die Bulimie angesprochen. Mittlerweile übergebe ich mich bis zu 5x am Tag, oft nach nur einer Banane oder ähnlichen Kleinigkeiten. Ich esse selten und wenig und wenn, erbreche ich es.
Die WG macht mir einen Termin bei Sowhat. Ich gehe zur Diagnostik und der 1. Therapiestunde. Danach gehe ich nicht mehr hin. Es ist mir unmöglich, mich so sehr auf mein Essverhalten zu konzentrieren, da ich ohnehin schon den ganzen Tag nur an Essen denke.
Ich ziehe in der WG um, in einen weniger betreuten Bereich. Mein Essverhalten bessert sich von alleine. Ich übergebe mich wieder unregelmäßiger, esse dafür aber auch weniger.
2014 ziehe ich in meine eigene Wohnung. Ich übergebe mich kaum mehr, esse aber genauso unregelmäßig.
Im Dezember habe ich wieder eine schlimme Phase, in der ich versuche, nichts zu essen, um dann Abends einen Fressanfall zu haben, also eigentlich eine normale Mahlzeit. Ich schwöre mir, wenn ich es nicht schaffe, extrem dünn zu werden, übergebe ich mich nie wieder und halte auch keine Diät mehr.
Und ich halte mein Versprechen.
Bis heute habe ich mich nicht mehr übergeben, keine Diät mehr gehalten.
Im Juni 2015 fasse ich den Entschluss zuzunehmen. Ich möchte 50kg haben, bei einer Größe von 160cm. Ich habe 45kg.
Vor zwei Wochen habe ich es endlich geschafft, auf 47kg zuzunehmen.
Und dennoch geht gar nichts. Ich kann nicht essen, aber ich weiß nicht, ob man das überhaupt noch als Essstörung bezeichnen kann. Denn ich fühle mich nicht zu dick, ich denke nicht mehr so viel ans Essen, ich möchte nicht abnehmen, ich mache keinen Sport, ich verbiete mir kein einziges Lebensmittel, ich wiege mich nicht regelmäßig, ich zähle keine Kalorien. Und dennoch krieg ich nichts runter.
Mein Tag sieht so aus: Nach dem Aufstehen trinke 1-2 Kaffee. Dann lernen o.ä. Um 15-16 Uhr habe ich Hunger. Ich denke, ich sollte was essen. Aber ich weiß nicht was bzw. möchte ich nicht einkaufen gehen bzw. habe ich keinen Appetit.
Meistens schaffe ich es dann erst kurz vor Ladenschluss (19:30 Uhr) einkaufen zu gehen. Kaufe mir eine Pizza, Baguettes oder Lasagne. Das esse ich dann zwischen 20-22.00 Uhr.
Und es macht mich wahnsinnig fertig. Denn ich habe ja Hunger. Und ich möchte ja essen. Aber ich kann es aus irgendeinem Grund nicht. Mein Gewicht ist wieder auf 45kg, oh Wunder. Weiter wird es sich wohl nicht reduzieren, da ich immer dieses Gewicht habe und immer ca. soviel esse.
Ich hab keine Ahnung, wie ich weitermachen soll.

(INTAKT antwortet am 16.11.2015 um 15:44:22)

Gut, dass Sie sich an uns wenden. Das klingt nämlich nach einem sehr langen und anstrengenden Weg, den Sie mit Ihrer Erkrankung schon gegangen sind. Sie haben dieses Jahr auch viel Stärke und Willenskraft bewiesen. Denn in einer Situation, wo die Essstörung überhand genommen hat, ein Versprechen bezüglich der Veränderung des Essverhaltens zu halten, ist nicht sehr einfach. Dass Sie das geschafft haben, darauf können Sie sehr stolz sein. Trotzdem kann man an Ihrem Forumseintrag merken, dass Sie noch mit Ihrem Essverhalten zu kämpfen haben. So wie Sie Ihren Tagesablauf bezüglich des Essens beschreiben, sind die langen „Nicht-Ess-Phasen“ noch sehr bedenklich. Wie Sie sicher wissen, zeichnet ein normales und gesundes Essverhalten aus, dass man regelmäßig Mahlzeiten zu sich nimmt, ohne darüber viel nachdenken zu müssen. Sie schreiben „ich denke nicht mehr so viel ans Essen“, aber im Endeffekt bedrückt Sie das Thema doch einigermaßen, immerhin hätten Sie sich dann nicht an uns gewendet. Wir nehmen auf Grund der Informationen in Ihrem Beitrag an, dass Sie, außer einem Erstgespräch bei Sowhat, keine Therapie mit Fokus auf die Essstörung in Anspruch genommen haben. Dabei wäre das sehr wichtig, da eine Essstörung nicht einfach eine Erkrankung ist, die von alleine kommt und wieder verschwindet, sondern sie ist ein Hilfeschrei des psychischen Wohlbefindens. Eine Psychotherapie kann Ihnen dabei helfen, die Probleme aufzuarbeiten, welche Ihre Essstörung hervorgerufen haben, damit Sie wieder Genuss an regelmäßigen Mahlzeiten finden. Denn auch wenn es Ihnen jetzt besser geht als früher, gesund sind Sie noch nicht. Deshalb bitten wir Sie, suchen Sie sich einen Therapieplatz. Sie können auf www.psyonline.at nach geeigneten PsychotherapeutInnen schauen, oder melden Sie sich bei uns zu einem Erstgespräch an. Wir wünschen Ihnen alles Gute!
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