intakt Forum

zurück zur Übersicht

Bulimie - Verhalten der Angehörigen

(Rosa fragte am 18.09.2015 um 09:06:02)

Liebes Team,
unsere Tochter (21 Jahre)leidet an Bulimie, Depressionen (Angst-, Schlafstörungen. Man hört und liest immer wieder und wird auch darauf aufmerksam gemacht, dass man als Angehörige durch \"Fehlverhalten\" die Genesung eigentlich verhindert oder der Erkrankung \"Nahrung\" gibt. Unsere Tochter nimmt an den gemeinsamen Mahlzeiten sehr selten teil (ist mit ihr so besprochen und für sie in Ordnung), wenn wir Besuch haben oder eingeladen sind (zum Essen), nimmt sie daran nicht teil, also in Gesellschaft kann sie am Essen nicht teilnehmen. Isst sie mit uns gemeinsam, dann sind das Fressanfälle mit anschließendem Erbrechen. Das ist uns bewusst. Es fällt mir schwer bei diesem gemeinsamen Essen sozusagen normal und unbefangen zu sein, das bedeutet ich bin eher ruhig, still. Meine Gefühle sind eher der Wut, Ekel als Trauer oder Mitgefühl zu zuschreiben in dieser Situation (Gang zur Toilette). Diese Fress/Brechattacken geschehen eher abends (während der Woche, am Wochenende beginnt das Ganze schon zu Mittag). Ich erwische mich selbst dabei, dass ich zu dieser Zeit gerne außer Haus bin. Es stört mich nicht, wenn ich noch Abendtermine habe. Kurz zusammengefasst - aus dem Weg gehen. Gut geht es mir dabei nicht, das eigene Heim soll doch Rückzugsort der Erholung, Entspannung, Heimat sein und nicht nur für mich sondern vor allem auch für unsere Tochter. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass ich hier kontraproduktiv reagiere und agiere und unserer Tochter keine Hilfestellung bin.

(INTAKT antwortet am 18.09.2015 um 11:30:12)

Liebe Rosa

Vielen Dank für Ihre Offenheit, die Ihre Sorge um Ihre Tochter betrifft.
So viel Mut aufzubringen, und sich Rat zu holen, ist der erste wichtige Schritt, um Ihrer Tochter mehr Hilfestellung geben zu können.
Verständlicher Weise sind Ihre Gefühle sehr ambivalent und mit Wut und Ekel vermischt, da Sie eigentlich nur wollen, dass es Ihrer Tochter gut geht, Sie aber noch keinen Weg für sich gefunden haben, Ihr das zu ermöglichen. Sie sehen Ihre Tochter in der schwierigen Situation, und fühlen sich hilflos. Darum ist es, wie Sie sagen, auch gut, nicht immer hinschauen zu müssen, in dem Sie nicht zu Hause sind. Trotzdem möchten Sie Ihrer Tochter einen schönen, entspannten, heimeligen Rückzugsort bieten. Wahrscheinlich geht es Ihrer Tochter ähnlich, aber es ist auch für sie schwer, da sie den kranken Anteil in ihr nicht einfach abschalten kann. Sprechen Sie liebevoll mit Ihrer Tochter über Ihre Unsicherheiten und Ängste. Sagen Sie ihr, dass Sie ihr gerne besser unterstützend zur Seite stehen würden, Sie aber selbst nicht genau wissen, wie das funktionieren könnte, und verunsichert sind. So kann auch Ihre Tochter besser verstehen was in Ihnen vorgeht. Dadurch finden sie vielleicht gemeinsam Möglichkeiten, die Situation für Beide zu verbessern. Vielleicht gelingt es Ihnen hinter dem kranken Anteil Ihrer Tochter wieder Ihre Tochter mit all ihren Bedürfnissen und Ressourcen wahrzunehmen.
Gerne möchten wir Sie auf diesem Weg unterstützen,z.B. bei einem Angehörigenabend oder einem persönlichen Beratungsgespräch.
Ihr Wunsch, Ihrer Tochter zu helfen, indem Sie selbst einen Schritt der Veränderung machen wollen, verdient starke Unterstützung, damit Sie sich auch von etwaigen Schuldgefühlen (erfahrungsgemäß gibt es die leider immer, sie lähmen meistens aber nur), befreien können.
Gerne können Sie uns telefonisch kontaktieren, und wir wünschen Ihnen viel Kraft und Mut für die weiteren Schritte.

(Erweiterung der Fragestellung am 14.10.2015 um 09:19:02)

Geschätztes Team,
ich habe noch zwei weitere konkrete Fragen zur Erkrankung unserer Tochter(volljährig).
Im September hatte sie einen Ferialjob, den sie trotz ihrer Erkrankung tüchtig gemeistert hat, das haben wir ihr auch gesagt. Sie hat wenigstens etwas gegessen (Kaffee, Obst oder Suppe) und auch bei Bedarf Medikamente genommen (Zyprexa bzw. Risperdal), welche von der Psychiaterin verschrieben wurden. Jetzt hat der UNI-Betrieb wieder begonnen, auf den sie sich sehr gefreut hat. Die Tabletten nimmt sie nicht, das will sie nicht, sie hat den Eindruck nicht sie selber zu sein. Zur Zeit isst sie gar nichts. In der Früh ev. einen Tee, tagsüber Mineralwasser, Red Bull oder Cola light. Die Waage benutzt sie wieder regelmäßig, sie sieht auch schlechter aus. Am Abend isst sie in kurzer Zeit Unmengen, die sie dann erbricht. In ihren besseren Ess-Brech-Phasen isst sie auch viel, aber nicht in dem Ausmaß wie jetzt. Unsere Tochter ist seit März diesen Jahres in Behandlung. Die mentale Seite war schlechter,da kann man Verbesserungen erkennen (in sehr geringem Ausmaß aber doch) das muss man fairerweise sagen, nur die körperliche Seite dreht sich in ihrem Teufelskreis. Das macht mir sehr große Sorgen, da diese Unmengen ja körperliche und vor allem auch lebensbedrohliche Folgen haben können. Gegen eine stationäre Behandlung wehrt sie sich leider (dies habe ich vor langer Zeit einmal angesprochen). Ich würde dies absolut befürworten, dass sie endlich einen größeren Schritt in eine gute Richtung machen kann, einen Fortschritt sehen kann. Wie sie jetzt agiert wird sie die UNI nicht schaffen, da die ihr die Konzentration zu schaffen macht.Ich weiß nicht ob und wie ich sie darauf ansprechen soll sich in stationäre Behandlung zu begeben. Ich werde leider das ungute Gefühl nicht los, dass sie diese Erkrankung auch als \"Kontrolle\" nutzt oder um uns in der Hand zu haben, ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll.
Die zweite Frage meinerseits, wir bekommen dieses Wochenende Besuch von meinen Verwandten, ich habe den Eindruck das stresst sie (die Verwandten wissen nicht Bescheid und haben sie schon lange nicht gesehen). Ich würde die Verwandten gerne telefonisch vorab (nur sehr oberflächlich) informieren, dass unsere Tochter nicht gesund ist. Ich will das an diesem Tag mit ihnen nicht diskutieren und ihr Anblick wird für sie auch ein Schock sein. Mache ich dies ohne Wissen unserer Tochter, hintergehe ich sie, das will ich nicht. Sie mag das aber auch nicht machen, sondern sich dem nicht stellen, aber es belastet sie, da sie ja genau weiß, dass ihr Zustand auffällt. Was soll ich tun?
Vielen lieben Dank für Ihre Antwort und Hilfestellung. lg Rosa

(INTAKT antwortet am 20.10.2015 um 17:06:08)

Liebe Rosa!
Vorerst wollen wir uns für unsere verspätete Antwort entschuldigen! Sie haben geschrieben, dass Ihre Tochter seit März in Behandlung ist. Auch wenn sie meinen, dass Sie nur geringe Fortschritte beobachten können, ist das schon ein großer Schritt in die richtige Richtung. Veränderung braucht seine Zeit und vor allem viel Geduld. Vor allem eine Therapie ist ein langwieriger Prozess, der Ausdauer braucht. Ihr Wunsch nach einer stationären Behandlung Ihrer Tochter ist durchaus nachvollziehbar, weil Sie ja nur das Beste für sie wollen. Es ist nicht leicht, hier die richtigen Worte zu finden, vor allem weil zu viel Druck auch Gegendruck auf Seite Ihrer Tochter erzeugen kann. Außerdem achtet ein/e TherapeutIn darauf wann stationäre Behandlung angebracht ist. In Ihrem Fall wäre es vielleicht hilfreich, die eigenen Ängste und Unsicherheiten anzusprechen, damit Ihre Tochter merkt, dass auch Sie Grenzen haben. Auch muss Ihre Tochter das Gefühl bekommen, dass Sie an sie glauben. Anstatt Bedenken darüber zu äußern, ob Ihre Tochter die Uni schaffen kann, versuchen Sie Wege zu finden, wie Sie sie dabei unterstützen können und ihr Mut zusprechen können. Und was das Sprechen über die Krankheit Ihrer Tochter mit anderen Menschen anbelangt, so gilt es zu hinterfragen und respektieren, wie Ihre Tochter das haben will. Auch wenn das für Ihre Umgebung schwierig ist. Auch für Ihre Tochter ist die Situation nicht leicht. Vergessen Sie in der Sorge um Ihre Tochter aber nicht auf Ihr eigenes Wohl. Es ist wichtig, dass Sie gut auf sich achten, damit Sie Ihrer Tochter eine gute Stütze sein können. Sie können gerne ein Beratungsgespräch bei uns in Anspruch nehmen oder am Eltern- und Angehörigenabend teilnehmen, um für sich mehr Klarheit zu gewinnen. Oft hilft es auch zu erfahren, dass man mit diesem Thema nicht alleine ist.
Alles Gute!

weitere Fragestellung hinzuf�gen

Anmerkung: Aus Gründen der Sicherheit und um den Missbrauch des "intakt-Forums" zu verhindern, kann nur der- bzw. diejenige die Fragestellung erweitern, der/die auch die ursprüngliche Frage gestellt hat. Jedes Anliegen muss also mit einer neuen Fragestellung begonnen werden. Um die persönliche Fragestellung zu konkretisieren ist der zugewiesene Authentifizierungscode notwendig. Diesen erhalten Sie bei der erstmaligen Fragestellung. Jede Eintragung in das Forum bleibt anonym.