Publikationen

zurück zur Übersicht

Mag. Rahel Jahoda | 04/05/09

Immer an Essen denken - Essstörungen

„Zehn deka Kirschen haben vierundsechzig Kalorien. Mit oder ohne Kern? Zehn deka Äpfel fünfundfünfzig. Mit oder ohne Kernhaus? Aufrunden auf sechzig. Zur Sicherheit.“(Helene Flöss, 1998)
Essstörungen sind in allen entwickelten Industrienationen im Vormarsch. In Österreich wird die Zahl der Betroffenen mit 200.000 Erkrankten angegeben, die Dunkelziffer ist nach epidemiologischen Studien allerdings sehr hoch; vor allem bei Mädchen und jungen Frauen und immer mehr auch bei Burschen kann dieses Phänomen beobachtet werden. Das Spektrum reicht von „normalem“ Diätverhalten über subklinische bis hin zu klinischen Formen der Essstörungen.

Neben Fitnesstraining, der Einnahme von Appetithemmern, Abführmitteln und dubiosen Mitteln zum Abnehmen halten zahllose Menschen, vor allem Frauen, regelmäßig die eine oder andere Form von Diät. Es geht darum, so schnell wie möglich das Idealgewicht zu erreichen.
Vor gar nicht langer Zeit konnte sich die Mehrheit der Bevölkerung Schlankheitskuren gar nicht erlauben. Fettleibigkeit und erst recht die Kontrolle über Nahrungsmittel waren ein Wunschtraum. Der Alltag stand unter dem Zeichen des Überlebens. Tagtäglich musste man sich genügend Nahrung verschaffen, um nicht zu verhungern. Daher galt über Jahrhunderte hinweg die Devise: Zunehmen statt abnehmen! Natürlich war nicht jeder und jede vom Hunger bedroht. Die Masse kämpfte ums Überleben und nur eine privilegierte Elite konnte sich satt essen. Man denke nur an die Fressorgien im antiken Rom, bei denen Federn während der Mahlzeiten gereicht wurden, damit die Tafelnden durch Erbrechen Platz für weitere Völlerei schaffen konnten.
Über Jahrhunderte hinweg fanden rauschende Festmahle des Adels statt. Die Wohlhabenden konnten sich den Luxus erlauben, über Fettleibigkeit und über die Notwendigkeit des Abnehmens zu klagen. Bereits in Werken der Antike werden Bewegung und Diäten dazu empfohlen.
„Dennoch kann man die Einstellung gegenüber der Korpulenz jahrhundertelang als eher positiv bezeichnen. Wie Magerkeit mit Armut, Krankheit und Elend assoziiert wurde, so verknüpfte man ein gewisses Maß an Korpulenz, „embonpoint“, mit Wohlstand, Gesundheit und Glück. Lange Zeit erhöhte eine mäßige Dickbäuchigkeit für Männer den Status und war aus diesem Grund sehr begehrt. Damit sind auch die Veröffentlichung und Werbeanzeigen bis ins späte 19. Jahrhundert, in denen Mittel gegen Magerkeit angepriesen wurden, erklärt.“ (W.Vandereycken et al., S. 295)
Erst mit dem 20. Jahrhundert verändert sich das dramatisch – der Adressat der Körperkontrolle ist vorwiegend der weibliche Körper.
Ging es in früheren Zeiten darum, diesen in ein Korsett einzusperren, so wird heute Selbstbeherrschung beim Essen und Selbstdisziplin beim Körpertraining verlangt. Das Bedürfnis nach Korrektur des Körpers geht sogar so weit, dass man plastische Chirurgie im Sinne von „Schönheitsoperationen“ einsetzt. Irreversible bzw. dramatische Folgeschäden können entstehen.
Schlankheit bzw. Magerkeit wird in unserer Gesellschaft gutgeheißen, sie verspricht Leichtigkeit, Jugend und Intelligenz. Auf der einen Seite wird die Individualisierung hochgepriesen, aber auf der anderen Seite findet immer mehr eine Standardisierung statt.
Unsere alltäglichen Erfahrungen mit dem Aussehen sind verbunden mit der Schönheitskultur unserer Gesellschaft. In unserer Konsumgesellschaft regiert die Diktatur der Schlankheit. Magersüchtige Models sind unsere Vorbilder. Schönheitsideale sind ausgeufert zu massenwirksamen, alle Lebensbereiche beeinflussenden Modediktaten. Selbst die Barbiepuppe wurde angepasst - und auch das Michelinmännchen wurde im Laufe seiner Karriere immer schlanker. Das Paradoxe daran: Mit dem Dünnerwerden des Idealtypus geht ein zunehmendes Dickerwerden des realen Menschen einher.

Ursachen von bzw. mögliche Erklärungsansätze für Essstörungen
Es muss zwischen Auslöser und Ursache unterschieden werden. Auslöser können „banale“ Bemerkungen über den Körper sein (z.B.: „Du hast aber zugenommen!“). Die Ursache einer Essstörung liegt jedoch tiefer, ist sehr komplex. Die Wurzeln von Essstörungen sind vielfältig; es gibt kein monokausales Erklärungsmodell für Essstörungen. Bei den Betroffenen findet sich bei genauer Beschäftigung damit jeweils ein einzigartiges Geflecht aus einer individuellen Geschichte, der derzeitigen Lebenssituation und der spezifischen Persönlichkeitsstruktur. Es ist ein Geflecht aus individuellen, soziokulturellen, sozioökonomischen und familiären Faktoren. Immer mehr werden auch genetische Faktoren diskutiert.
Nur eine der Fragen, die in diesem Zusammenhang immer gestellt werden, ist die nach dem Beteiligtsein des derzeit herrschenden Schlankheitswahns an der zunehmenden Krankheitshäufung. Wievielen ist überhaupt bewusst, dass die von der Werbung gezeigten Frauen nicht reale Wesen sind, sondern dass deren Abbilder am Computer retuschiert und „verschönert“ wurden? –
Wieso verschwenden zum Beispiel Frauen gerade in einer Zeit, wo ihnen mehr Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung offen stehen als je zuvor, ihre Energien an Kalorienzählen und Diäten? – Was ist es, worauf viele von ihnen – und zunehmend auch Männer - mit Essstörungen reagieren? – Die Komplexität des Themas lässt an dieser Stelle eine Erörterung solcher Fragen nicht zu; im Folgenden sei vereinfachend auf die wichtigsten Formen von Essstörungen und einige Aspekte von deren möglicher Behandlung eingegangen.

Die Diagnose von Essstörungen
Personen mit Essstörungen sind sich in aller Regel über einen längeren Zeitraum nicht bewusst, dass durch ihre Krankheit körperliche Störungen und zum Teil irreversible Dauerschäden auftreten können. Der Gedanke an Lebensgefahr bzw. Tod erscheint ihnen absurd und doch haben alle Formen von Essstörungen je nach Schwere und Dauer der Erkrankung dramatische Auswirkungen. Medizinisch gesehen führen Essstörungen häufig zu Vitaminmangel, Elektrolytverlust, Amenorrhoe (Ausbleiben der Menstruation), Verdauungsstörungen, Osteoporose, Hypertonie bzw. Hypotonie, erhöhtem kardiovaskulären Risiko, Zahnschäden, Haarausfall, Ödemen, Muskelschwäche, Konzentrations- und Leistungsverlust bis hin zu irreversibler Gehirnschädigung. Essstörungen sind ernstzunehmende Erkrankungen, die sich unbehandelt verschlimmern und zu chronischen Folgeerkrankungen führen bzw. sogar tödlich enden.
Allen Formen von Essstörungen gemeinsam sind meist eine lange Geschichte von Diäten, ein geringer Selbstwert, mangelnder Zugang zu Gefühlen. Essen bzw. Nichtessen bestimmt das Leben, die Gedanken kreisen ständig ums Essen. Betroffene haben meist große Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und Grenzen zu setzen; die meisten ziehen sich immer mehr aus sozialen Kontakten zurück.
Menschen mit Essstörungen erleben Veränderungen in ihrem Körper, ihrem Denken, ihrer Wahrnehmung, ihrem Verhalten und in ihrer Beziehungsfähigkeit.

Die Anorexia Nervosa (Magersucht) nach ICD 10
Diese ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten und aufrechterhaltenen Gewichtsverlust, große Angst vor Gewichtszunahme bei bestehendem Untergewicht und Störung der eigenen Körperwahrnehmungen hinsichtlich Gewicht bzw. Gestalt charakterisiert.
Physische Auffälligkeiten bei der Anorexia Nervosa können Kältegefühl, Blaufärbung der Hände und Füße, sichtbarer Gewichtsverlust, Ruhelosigkeit und Bewegungsdrang, Schlafstörungen, trockene Haut, Dünnerwerden der Haare, Wachstumsstörungen und feine Behaarung auf Gesicht und Körper (Lanugo) sein. Warnsignale sind ein auffälliger Gewichtsverlust und große Angst vor Gewichtszunahme. Die Nahrungsaufnahme wird streng kontrolliert. Die Betroffenen verleugnen ihren Hunger, sehr oft werden Mahlzeiten ausgelassen, gleichzeitig die anderen Familienmitglieder bekocht. Es entwickeln sich meist ritualisierte Gewohnheiten im Umgang mit Essen, wie sehr langsames Essen, Essen nur mit Stäbchen oder Dessertlöffel, Aufnahme großer Mengen an Flüssigkeit etc.

Die Bulimia Nervosa (Ess-Brechsucht) nach ICD 10
Kennzeichen sind einerseits Anfälle von Heißhunger, andererseits aber – hier der Magersucht ähnlich - eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts. Es besteht keine Kontrolle über die Essanfälle, die durch anschließendes selbstinduziertes Erbrechen gleichsam „kompensiert“ werden. Typisch sind auch der Missbrauch von Abführmitteln und übermäßige körperliche Betätigung.
Physische Auffälligkeiten können häufige Gewichtsschwankungen (Körpergewicht liegt meist jedoch im Durchschnittsbereich) und große Angst vor Gewichtszunahme sein. Häufig liegen Müdigkeit, Lethargie, Schwellungen der Speicheldrüse, Schäden am Zahnschmelz vor. Zum Teil können Narben am Handrücken, eingerissene Mundwinkel und Ödeme im Gesicht beobachtet werden. Angehörige nehmen eventuell Verhaltensänderungen wahr, obwohl gerade die Bulimia Nervosa sehr lange unbemerkt bleibt.

Binge Eating Disorder (Störung mit Essanfällen)
Binge Eating Disorder ist geprägt von wiederholten Episoden von „Fressanfällen“, die anders als bei der Bulimia Nervosa nicht mit unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen, wie z.B. Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln etc. einhergehen. Während der Essanfälle werden unterschiedlich große Mengen an Nahrungsmitteln schnell, oft wahllos durcheinander und ruhelos bis zu einem unangenehmen Völlegefühl verzehrt. Die Betroffenen leiden häufig unter Ekel, Schuld- und Schamgefühlen. Gegessen wird in Folge dessen meist alleine bzw. heimlich. Auch sind Depressionen und Angstzustände häufige Folgen. Die Umwelt reagiert häufig mit sozialer Ausgrenzung und Ächtung.

Bei der Diagnosestellung finden sich bei Menschen mit Essstörungen häufig Komorbiditäten, vor allem Persönlichkeitsstörungen, depressive Episoden, Angst und Panik sowie große Schwierigkeiten mit Affekt- und Spannungsregulation. Essstörungen zeigen somit ein Symptombild, das mit seiner komplexen Symptomatik auf traumatische Erlebnisse zurückzuführen ist. Die Statistik zeigt, dass 30% der Menschen mit Essstörungen schwere, überwiegend frühe (zum Teil sexuelle) Traumatisierungen erleiden mussten.
Ein tieferes Eindringen in die Problematik lässt erkennen, dass es sich bei Essstörungen letztlich um Bewältigungsstrategien handelt, die der betroffenen Person in einer bestimmten psychischen Ausnahmesituation das Überleben sichern; es liegt jedoch auf der Hand, dass eine solche Konstellation labil und gefährlich ist und im Rahmen einer entsprechenden Therapie in einen stabilen Zustand transformiert werden sollte.

Behandlung von Essstörungen
„Wenn man befürchtet oder sogar überzeugt ist, an einer Krankheit zu leiden, wird man in aller Regel einen Arzt aufsuchen und sich behandeln lassen. Für viele Essgestörte trifft das nicht zu. Zum einen wird die Diagnose spät gestellt, zum anderen ist der Weg in eine Therapie selbst dann noch lang, wenn an der Diagnose kein Zweifel besteht.“ (Gerlinghoff M., S. 17)
Auffällig sind bei Essstörungen der chronische Verlauf, die hohe Rate an Rückfällen, geringe Krankheitseinsicht und eine starke Abwehrhaltung gegenüber Therapien. Gleichzeitig besteht meist eine starke Tendenz, das Krankheitsgeschehen vor dem eigenen sozialen Umfeld zu verheimlichen.
Klinische Einrichtungen können wegen des komplexen Krankheitsbildes den Betroffenen meist nur kurzfristig helfen; vor allem, weil sie in ihren Möglichkeiten dadurch eingeschränkt sind, dass sie in erster Linie kürzere stationäre Aufenthalte akuter medizinischer Indikation, aber nicht eine langfristige ambulante Therapie anbieten können. Niedergelassene ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen, die mit Essstörungen konfrontiert sind, haben wiederum oft nicht die Möglichkeit, ein breites Spektrum an Therapieansätzen (Psychotherapie und medizinische Betreuung) anzubieten.
Bei der Behandlung von Essstörungen ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unbedingt erforderlich. Ein Zusammenspiel verschiedenster ProfessionistInnen, wie ÄrztInnen, PsychotherapeutInnen, ErnährungsberaterInnen, von stationären Einrichtungen, eventuell auch von geleiteten Selbsthilfegruppen hat sich bewährt. Die Psychotherapie ist bei der Behandlung von Essstörungen nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen das Mittel der Wahl.
Allen Psychotherapieverfahren ist gemeinsam, die Autonomie des Klienten / der Klientin so wenig wie möglich einzuschränken. Es geht sowohl um einen störungsspezifischen als auch um einen ganz individuellen Ansatz.
In der Regel sind alle Formen der Essstörung ambulant behandelbar, es gibt jedoch eindeutige Indikationen für einen stationären Aufenthalt, wie schwerwiegende organische Komplikationen, psychiatrische Probleme wie z.B. Suizidalität, Substanzmissbrauch, Impulskontrollstörung - oder die Notwendigkeit einer Trennung von pathogenen psychosozialen Faktoren wie Gewalt, Missbrauch in der Familie oder Verwahrlosung.

Literatur:
Flöss H., Dürre Jahre, Haymon Verlag, Innsbruck 1998

Gerlinghoff M. et al., Essstörungen – Anstösse zur Selbsthilfe, Trias Verlag, Stuttgart, 1995

Vandereycken W. et al., Hungerkünstler – Fastenwunder – Magersucht: eine Kulturgeschichte der Essstörungen,1992, dtv, München

Weltgesundheitsorganisation, Internationale Klassifikation psychischer Störungen – ICD 10 Kapitel V (F), Verlag Hans Huber, 2005

Nachzulesen im Katalog zur oberösterreichischen Landesausstellung "MAHLZEIT!" in Stift Schlierbach.

zurück nach oben
zurück zur Übersicht