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Mag. Rahel Jahoda | 16/07/07

Zusammenhang von Trauma und Essstörungen

„Für dich gibt es jetzt nur eine Möglichkeit und die ist, die Hülle von Innen zu bekämpfen. Du spürst es, denn deine Seele wird immer stärker- doch äußerlich beginnt sich alles langsam aufzulösen; der Körper, der deine Seele umhüllt, beginnt immer mehr zu zerfallen. Es macht dir nichts aus. Es ist dir egal. So groß ist der Hass. Jetzt greift jedoch eine Macht in das Innere, und beginnt deine Seele und deine Gedanken zu zerstören. Keiner merkt etwas? Da ist es wieder, das Gefühl der Einsamkeit- immer tiefer dringt es ein und es scheint keine Heilung zu geben.“ Das sind Worte einer magersüchtigen Klientin, die jahrelange Gewalterfahrung erleben musste.
(in: Kinderschutz aktiv Nr.74, Juni 2007, 20. Jahrgang, Seite 8-11; Hrsg.: Österr. Kinderschutzbund - Verein für Gewaltlose Erziehung; http://www.kinderschutz.at)

In meiner langjährigen Tätigkeit in einer ambulanten Einrichtung im Essstörungsbereich machte ich die Erfahrung, dass viele KlientInnen ähnliches erleben mußten.
Bevor ich mich dem Thema Trauma, Gewalt und Mißbrauch annähere, wende ich mich zunächst dem Thema Essstörungen zu.

Alle Formen von Essstörungen haben für die Betroffenen je nach Schwere der Erkrankung dramatische Auswirkungen.
Medizinisch gesehen führen Essstörungen häufig zu Vitaminmangel, Elektrolytverlust, Amenorrhoe (Ausbleiben der Menstruation), Verdauungsstörungen, Osteoporose, Hypertonie bzw. Hypotonie, erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, Zahnschäden, Haarausfall, Ödeme, Muskelschwäche, Konzentrations,- und Leistungsverlust bis hin zu einer Gehirnschädigung.
Zu den medizinischen und psychischen Problemen kommen häufig noch soziale Schwierigkeiten: Schulprobleme, Probleme in Ausbildung und Beruf, soziale Ächtung, Kontaktverlust bis hin zur totaler Isolation.
Essstörungen sind ernstzunehmende Erkrankungen, die sich unbehandelt verschlimmern und zu chronischen Folgeerkrankungen führen bzw. sogar tödlich enden (in Fachkreisen werden bei der Anorexia Nervosa folgende Zahlen genannt: ein Drittel geheilt, ein Drittel chronisch und ein Drittel mit letalem Ausgang!).
Die Anorexia Nervosa (Magersucht) ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Am häufigsten ist die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen.
Die Bulimia Nervosa ist durch wiederholte Anfälle von Heißhunger (Essattacken) und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert. Dies veranlasst die KlientInnen mit extremen Maßnahmen (selbstinduziertes Erbrechen, extreme körperliche Betätigung, Laxantienmißbrauch und Diuretikamißbrauch) dem „dickmachenden“ Effekt der zugeführten Nahrung entgegen zu wirken.
Bei der Binge Eating Disorder stehen psychische Symptome im Vordergrund. Als Leitsymptom gelten Essanfälle, die typischerweise mit Kontrollverlust einhergehen. Während der Essanfälle werden unterschiedlich große Mengen an Nahrungsmitteln schnell, oft wahllos durcheinander und ruhelos bis zu einem unangenehmen Völlegefühl verzehrt. Gegessen wird in Folge der Schamgefühle meist alleine bzw. heimlich. Oftmals empfinden KlientInnen mit einer Binge Eating Disorder Ekel, Deprimiertheit oder Schuldgefühle sich selbst gegenüber. Das Auftreten regelmäßiger Essanfälle führt zu einer Beeinträchtigung der allgemeinen psychischen Befindlichkeit und ist mit einem erhöhten Leidensdruck verbunden.Ich sehe Essstörungen als bestmögliche Lebensbewältigungsstrategie, die den Betroffenen zu dem gegebenen Zeitpunkt das Überleben sichert.

Einige Erklärungsmodelle:
Eine Magersüchtige versucht durch ihr Nicht- Essen zu verschwinden, nicht sichtbar zu sein, nicht mehr als Frau wahrgenommen werden zu können, eine Bulimikerin hingegen kann über den Akt des Erbrechens vielleicht ihre angestaute Wut loswerden und die Klientin, die an Binge Eating Disorder erkrankt ist, baut einen Schutzwall um sich herum...
Hier läßt sich nicht vereinheitlichen; die Wurzeln von Essstörungen sind vielfältig und vielgestaltig; bei jeder Betroffenen findet sich bei genauer Beschäftigung ein einzigartiges individuelles Geflecht, daher sollten die individuelle Geschichte, die derzeitige Lebenssituation und die spezifische Persönlichkeitsstruktur der Klientin bzw. des Klienten angeschaut werden, um zu einem Verständnis gelangen zu können. Verschiedene Erklärungsansätze liefern uns nie ein vollständiges Bild dessen, was eine bestimmte Person zum Ausdruck bringen möchte, sondern geben uns bestenfalls Hinweise und Anstöße für unsere Versuche, eine individuelle Geschichte zu begreifen.

Bei der Diagnoseerstellung fanden sich neben einer Essstörungsdiagnose (Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa oder Binge Eating Disorder) auch Diagnosen, wie Persönlichkeitsstörung, depressive Episoden, Angst und Panik sowie große Schwierigkeiten mit Affekt- und Spannungsregulation.
Essstörungen zeigen somit ein Symptombild, das mit seiner komplexen Symptomatik auf das Erleben schwerer Traumatisierung zurückzuführen ist.
Der Begriff Trauma stammt aus dem griechischen und heißt Verletzung bzw. Wunde.
Trauma lässt sich vielleicht folgendermaßen definieren: Trauma ist das Erleben plötzlicher und heftiger oder anhaltender äußerer und/oder innerer Bedrohung, das mit dem Gefühl von Todesangst, Hilflosigkeit (Ohnmachtsgefühl) und Schutzlosigkeit einhergeht und meist auch mit körperlichem Schmerz und Verletzung verbunden ist.

Die betroffene Person fühlt sich gänzlich überflutet und befindet sich in einem Stresszustand, der sie wie ein Strudel hinweg reißt, sie den Boden unter den Füßen verlieren lässt.

Um sowohl den Essstörungsbereich als auch die Traumatisierung entsprechend behandeln zu können, gründete ich gemeinsam mit drei Kolleginnen, alle mit langjähriger Erfahrung im Essstörungsbereich im Dezember 2006 „intakt“– ein Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen.

Das Gründungsteam besteht aus einer Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, zwei Lebens,- und Sozialberaterinnen, wovon eine auch als Sozialmanagerin tätig ist und mir als klinischer Psychologin und Psychotherapeutin. Wir alle sind Mitglieder der österreichischen Gesellschaft für Essstörungen (ÖGES), ich selbst gehöre zum Vorstand.
Das Therapiezentrum ist ein Kompetenzzentrum im Bereich der Diagnostik und Behandlung von Essstörungen, wo in einem interdisziplinären Team zusammen gearbeitet wird. Darüber hinaus steht „intakt“ in enger Vernetzung mit weiteren FachärztInnen und stationären Einrichtungen, um im Falle somatischer und/oder psychischer Krisen einen reibungslosen Übergang von ambulanter zu stationärer und anschließend wieder ambulanter Betreuung zu gewährleisten.

Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung haben wir beim Erarbeiten unseres neuen Behandlungsmodells dem Umstand Rechnung getragen, dass wir um die häufige und ernst zunehmende Traumatisierung unserer KlientInnen wissen.

Die Statistik zeigt, dass 30% der Menschen mit Essstörungen schwere, überwiegend frühe (sexuelle) Traumatisierungen erleiden mussten. Untersuchungen zufolge sind 76% der bulimischen Frauen sexuell und sogar 100% emotional missbraucht worden. 82% von Menschen mit Binge Eating Disorder berichten über eine oder mehrere Formen von Misshandlungen in der Kindheit (emotionale, körperliche, sexuelle Misshandlungen bzw. emotionale und/oder physische Vernachlässigungen). Es sind also vor allem traumatische Erfahrungen in der Kindheit und Jugend, die oft nicht sofort, sondern erst im späteren Erwachsenenalter virulent werden können.

Bei unseren KlientInnen waren dies meist nicht einmalige Erlebnisse, sondern länger andauernde(oft über Jahre). Es handelt sich dabei um Gewalt sowohl in der Familie als auch außerhalb. Diese Verletzungen haben eine starke Erschütterung mit nachhaltiger Wirkung auf die Seele, die ohne ihre Berücksichtigung in der Psychotherapie nicht wirkungsvoll und dauerhaft geheilt werden kann. Im psychotherapeutischen Prozeß kann sowohl KlientIn als auch PsychotherapeutIn ein Ohnmachtsgefühl spüren, vor allem dann wenn der Traumadynamik keine Beachtung geschenkt wird. Die Traumaverarbeitung muß also im Vordergrund stehen, bevor die Essstörungssymptomatik bearbeitet werden kann.

Traumatisierte Menschen fühlen sich oft so, als wäre ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Ein erstes Ziel in der Psychotherapie ist es zuerst einmal fühlen zu lernen, wie sich äußere Sicherheit anspürt, zu entdecken, welche Ressourcen die Klientin bzw. der Klient trotz allem hat, einen „Notfallkoffer“ zu schnüren, seinen Körper wieder spüren zu lernen, lernen sich anzunehmen mit allem, was da ist,...
Gerade traumatisierte Menschen leiden stark unter Scham- und Schuldgefühlen. Zum Teil wurde ihnen vermittelt, dass sie über das ihnen Zugestoßene nicht sprechen dürfen, dass es ein Geheimnis sei. Von daher ist es verständlich, dass die Entwicklung einer Essstörung eine Bewältigungsstrategie darstellt, die das Überleben sichert.

EssstörungsklientInnen mit Traumatisierung erhalten in unserer Einrichtung „intakt- Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen“ ein Modul für traumazentrierte Psychotherapie:
Dies beinhaltet sowohl Einzeltherapie (mindestens einmal/Woche) bei einer Psychotherapeutin, die eine Traumatherapiefortbildung absolviert hat als auch einmal in der Woche ein skills- Training nach M. Linehan und M. Bohus speziell für Menschen mit Essstörungen. Diese Gruppe soll der KlientIn Unterstützung und Anleitung bieten, um Fertigkeiten hinsichtlich innerer Achtsamkeit, zwischenmenschlicher Sicherheit, den Umgang mit eigenen Gefühlen und Bewältigungsstrategien für Situationen mit enormer Spannung zu erlernen. Das skills-Training findet parallel und verbunden mit der Einzeltherapie statt.
Außerdem muss die Klientin bzw. der Klient mindestens einmal im Quartal zur Allgemeinmedizinerin, bei kritischem Gesundheitszustand bzw. grenzwertigem Gewicht auch häufiger (wird ein gewisser BMI unterschritten bzw. treten andere körperliche Komplikationen auf, die ambulant nicht zu behandeln sind, wird die Klientin stationär in einer Klinik untergebracht).
Ebenfalls ist eine Konsultation einmal im Quartal bei unserer Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie notwendig, sollte eine kontinuierliche psychiatrische Medikation notwendig sein, dann im angemessenen Ausmaß. Es soll hier noch einmal darauf verwiesen werden, dass Essstörungen eine psychiatrische Diagnose sind!
Dieses Behandlungskonzept richtet sich sowohl an erwachsene Menschen ab dem 19. Lebensjahr als auch an Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18, wobei der Behandlungsfokus auch sehr bei der Familie bzw. den Erziehungsberechtigten liegt.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass uns unsere tägliche therapeutische Arbeit die Wichtigkeit einer gewaltfreien Erziehung, eines gewaltfreien Miteinanders sowohl in der Familie als auch im sozialen Umfeld nachhaltig vor Augen führt.

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